Die Wanderung zur Hohe Liebe begann nicht dramatisch.
Es war grau, sehr bewölkt, der Wald wirkte gedämpft. Kein Licht, das Konturen schärft. Keine Fernsicht, die lockt. Der Weg lag still zwischen nassen Blättern und ersten Eisflächen.
Schon im unteren Abschnitt zeigte sich, dass diese Tour anders werden würde. Feuchte Wurzeln waren überfroren, einzelne Stufen mit einer dünnen, kaum sichtbaren Eisschicht überzogen. Der Boden wechselte zwischen Matsch, Restschnee und blankem Eis.
Es war kein einzelner gefährlicher Punkt.
Es war die Summe.
Ein schwieriger Aufstieg
Mit jedem Meter wurde klarer: Diese Bedingungen fordern Aufmerksamkeit.
Holztritte waren gefroren.
Laub verdeckte glatte Stellen.
Zwischen den Stufen lag Eis in flachen Mulden.
Die Stöcke gaben Orientierung, aber keine Sicherheit. Selbst dort, wo der Weg moderat anstieg, war jeder Schritt bewusst gesetzt. Trittsicherheit im Sandstein ist eine Sache. Trittsicherheit auf überfrorenem Laub eine andere.
Der Aufstieg verlangte Geduld.
Eis im Wald
Zwischen den Bäumen hingen lange Eiszapfen an vermoosten Felsen. Wasser war gefroren, das normalerweise unscheinbar abläuft.
Es war still. Kein Wind. Nur dieses gedämpfte Wintergrau, das jede Entfernung verschluckt.
Mit zunehmender Höhe wurde aus nassem Boden eine geschlossene Eisfläche. Die Übergänge waren fließend – von Schneeresten zu blankem Fels, von feuchten Stufen zu überfrorenen Rinnen.
Die letzten Meter
Kurz unterhalb des Gipfels der Hohen Liebe führen in den Fels gearbeitete Stufen nach oben. Bei trockenen Bedingungen sind sie unspektakulär. Bei Eis verändern sie ihren Charakter vollständig.
Das Eis lag in den Trittflächen. Die Auflagepunkte waren glatt. Ein Ausrutschen hätte keinen harmlosen Verlauf genommen.
Der Aufstieg war bereits schwierig gewesen. Aber hier ging es nicht mehr um Vorsicht. Hier ging es um Verantwortung.
Ich blieb stehen.
Und drehte um.
Nicht aus Angst.
Sondern aus Klarheit.
Kohllichtsteig und Fößersteig – keine Winterwege
Der weitere Verlauf über den Kohllichtsteig zeigte, dass die Bedingungen nicht lokal begrenzt waren. Vereiste Passagen, überfrorene Wurzeln und fehlende Haftung bestimmten auch hier das Bild.
Der Fößersteig wirkte ebenfalls nicht vertrauenswürdig. Die Kombination aus Eis, Gefälle und fehlender Sicherung machte ihn bei diesen Bedingungen nicht empfehlenswert.
Diese Wege sind bei trockenen Verhältnissen gut zu gehen.
Bei Eis jedoch verändern sie sich grundlegend.
Nicht jeder Gipfel muss erreicht werden
Die Hohe Liebe blieb an diesem Tag unerreicht. Die letzten Meter fehlten.
Aber der Wert einer Wanderung misst sich nicht ausschließlich am Gipfel.
Manchmal liegt die Erfahrung gerade in der Entscheidung.
Winterwanderungen im Elbsandsteingebirge verlangen mehr als Kondition. Sie verlangen Einschätzung. Eis auf Sandstein verändert alles: Reibung, Gleichgewicht, Risiko.
Die Hohe Liebe hat an diesem Tag nicht Weite gezeigt.
Sondern Grenze.
Und genau das bleibt.





